Rezension Bücher








Rezension des Buches: Leopold Figl und das Jahr 1945

Untertitel: Von der Todeszelle auf den Ballhausplatz

ISBN: 9783701733583

Autor: Helmut Wohnout

Verlag: Residenz Verlag

Erscheinungsdatum: 29.04.2015

224 Seiten

Format 140x220 Hardcover

EUR 21,90 / sFr 30,70

 

Rezensiert von Sprachagentur Olifiers e.U.

 






"ÖSTERREICH IST FREI" – dieser legendäre Satz anlässlich der Verkündung des Staatsvertrags am 15. Mai 1955 vom Balkon des Schlosses Belvedere aus wird wohl für alle Zeiten mit dem Namen  'Leopold Figl in Verbindung gebracht werden.

 

Die historisch-politisch Versierteren werden Figl als den ersten Bundeskanzler der Zweiten Republik (und späteren Außenminister) in ihrem "geistigen Bestand" haben; detailliertere Kenntnisse über ihn sind aber wohl Historikern und an politischer Zeitgeschichte speziell Interessierten vorbehalten.

 

Das vorliegende Werk stellt ein Angebot an die Allgemeinheit dar, das Wissen über diese zentrale Politikerpersönlichkeit der Kriegs- und Nachkriegszeit zu erweitern. Der Autor, ein ausgewiesener Historiker, beschreibt den geradezu atemberaubenden Werdegang des Leopold Figl vom dem Tode geweihten politischen Gefangenen der Nationalsozialisten zum ersten Bundeskanzler der neu erstandenen Republik Österreich; ein Werdegang, der – und das ist wohl das Erstaunlichste – innerhalb eines Zeitraums von lediglich acht Monaten (April bis Dezember 1945) vor sich ging.

 

Er tut dies in einer auch für nicht einschlägig Vorgebildete leicht verständlichen, prägnanten, unkomplizierten Sprache, die ohne Satzungetüme und allzu fachspezifisches Vokabular auskommt. Die Entwicklung Figls vom politischen Häftling des ersten Jahresquartals 1945 zum österreichischen Bundeskanzler kurz vor Weihnachten desselben Jahres wird vom Autor gekonnt mit den ständig wechselnden politischen Vorgängen und Entwicklungen dieser sehr kurzen Zeitspanne verknüpft, wobei der Fokus getreu dem Buchtitel freilich stets auf den Menschen Figl gerichtet bleibt.

 

Wohnout zeichnet anhand einer Vielzahl von Quellenangaben (diese machen im Anhang des Buches insgesamt 30 Seiten aus!) das Bild eines energiegeladenen, dynamischen, sowohl leidens- als auch kompromissfähigen Mannes, der es wie kein anderer Politiker in dieser sehr schwierigen Phase unmittelbar nach Kriegsende verstand, die Menschen bei ihren Emotionen zu erreichen und dabei stets authentisch zu bleiben. Besonders gut gelingt es dem Autor, diese Vorzüge aus Figls persönlichem Schicksal vor dem Jahr 1945 abzuleiten (Figl war von 1938 bis 1943 KZ-Häftling). Wenn in dieser "Jahresbiographie" etwas zu kurz kommt, dann Figls privates Umfeld; der Leser erfährt nur sehr wenig über seine familiären Umstände (hatte er etwa Kinder oder Geschwister?), auch wenn immer wieder Figls ländlich-bäuerliche Herkunft hervorgehoben wird. Etwas mehr Information über den Privatmenschen Leopold Figl hätte zur Vervollständigung des Gesamtbildes dieser bedeutenden Persönlichkeit gewiss nicht geschadet.

 

Fazit: Ein gerade anlässlich der heurigen Staatsfeierlichkeiten (70 Jahre Kriegsende, 60 Jahre Staatsvertrag) sehr aktuelles und auch für Nichthistoriker interessantes, spannend zu lesendes Buch über einen überaus bemerkenswerten Menschen und Politiker, wie er gerade der heutigen Zeit, mit all ihren Missständen und Problemen, sicherlich sehr gut täte...

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rezension des Buches "Wenn der Wind sich dreht" von Cornelia Pichler

 

Broschiert: 384 Seiten

Verlag: edition keiper

1.Auflage April 2015

ISBN: 978-3902901-69-9


Rezensiert von Cristina Olifiers

 





Das vorliegende Werk „Wenn der Wind sich dreht“ von Cornelia Pichler ist ein ansprechender Frauenroman. Die Geschichte kommt ohne stilistische Redundanzen aus, ist flüssig zu lesen und erweckt dadurch unweigerlich Sympathie.

 

Von Beginn an wird der Leser mit Tabuthemen wie Tod, Sterben und Scheidung konfrontiert, bei denen die Liebe dennoch nie zu kurz kommt. Das lässt einen abwechslungsreichen Spannungsbogen entstehen, der den Leser auf unerwartete Weise gleichermaßen zum Lachen und zum Weinen bringt. Obwohl die Handlung durchaus dazu verleiten würde, kommt das Buch ohne jegliche pornographische Szene aus. Nach den jüngsten Publikumserfolgen rund um "50 Shades of Grey" ist es umso erfrischender, wenn eine Autorin das nötige Rüstzeug hat, dem allgegenwärtigen „Sex-sells“-Schema die Stirn zu bieten.

 

Doch worum geht es eigentlich? Die Geschichte dreht sich um die Österreicherin Josephine „Jo“ Schneider, die nach dem Tod ihrer Tante Lisa zu deren Begräbnis fliegt. Jahre zuvor war diese nach Griechenland ausgewandert, um mit ihrem dort ansässigen Mann eine Familie zu gründen. Wenngleich Lisa den Kontakt zur Heimat nie hatte gänzlich abreißen lassen, ist Jo die einzige, die zur Beerdigung anreist. Weder ihr beruflich eingesetzter Mann noch ihre Tochter wollen sie begleiten. Auf Rhodos wird Josephine von ihren griechischen Verwandten und deren Freunden mit derartiger Herzlichkeit und Wärme aufgenommen, dass sich ihr schon bald die Frage aufdrängt, ob sie ihr bisheriges Leben vielleicht als Fremde unter Fremden zugebracht hat. Als schließlich noch der attraktive Aussteiger Marco die Bühne betritt, gerät ihre Gefühlswelt endgültig aus allen Fugen.

 

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, zumal ab diesem Moment die eigentliche Geschichte mit voller Spannung einsetzt. Am Ende lässt die Autorin manches offen und schürt damit die Hoffnung, dass dieses empfehlenswerte Erstlingswerk schon bald eine würdige Fortsetzung finden wird.
 


 

 

 

 

 

 

 

  

Rezension „Eine kurze Geschichte Österreichs“ von Thomas Chorherr

 

ISBN: 978-3-8000-7552-2

Titel: Eine kurze Geschichte Österreichs

Untertitel: Ereignisse, Persönlichkeiten, Jahreszahlen

Seitenanzahl: 176

 

Rezension von Cristina Olifiers

 




Im vorliegenden Werk geht es um einen umfassenden, aber überaus kompakt und damit übersichtlich dargestellten Abriss der österreichischen Geschichte.


Schon der Titel deutet die notwendige abstrakte Vorgangsweise an. Es ist eine und nicht die Geschichte Österreichs, durch Chorherrs geniale, durchaus subjektive Komprimierung sowohl für geschichtlich Vorbelastete immer wieder lehrreich als auch für bisher eher unbelesene Geschichtsinteressierte ohne große geistige Verausgabung gut konsumierbar. Eingeteilt in handliche Kapitel, die man auch dann lesen kann, zwischendurch, wenn man ein Mal nicht soviel Zeit hat. Natürlich fallen beim Hobeln Späne, manche Opfer mussten beim Verkürzen erbracht werden. Die Hussitenkriege, immerhin, nicht zuletzt so etwas wie Vorboten der Reformation, auch immer wieder österreichische Lande heimsuchend, werden außen vorgelassen, fanden nicht einmal Eingang in die kompakten Zeittafeln am Beginn jedes Kapitels. Zumindest dort hätten die durchaus massiven Schwierigkeiten der Habsburger mit ihren sich abnabelnden Stammlanden auf dem Gebiet der heutigen Schweiz, die dann zur Gründung der Schweizerischen Eidgenossenschaft führen, auch die Burgunderkriege, beide Konflikte eigentlich kaum aus dem Aufstieg der Habsburger wegzudenken, gut hingepasst. Manchmal muss man sich eben auf das Wesentliche konzentrieren, wenn das Ergebnis eine geradezu volksbildnerische Funktion erfüllen können soll.


Die kurzen geschichtlichen Zeittafeln am Eingang jedes Kapitels erleichtern den Überblick, vertiefen das Verständnis und ersparen dem Leser ungenießbare Zahlenfriedhöfe im Text.


Nicht, dass dieses Buch Gefahr liefe, alleinige Prüfungsunterlage für den Abschluss des Geschichtsstudiums zu werden, aber als anspruchsvolle Basis für den Staatsbürgerkundeunterricht der Pflichtschulen wäre es schon eine Herausforderung. Zumal die Verinnerlichung des Inhalts jedem Österreicher gut anstünde. Als die Allgemeinbildung erweiternder Almanach, den man auch im Zeitalter der Suchmaschinen immer wieder gerne verwenden möchte, ein Schmuck für jeden Bücherschrank.


Trotzdem macht diese Ausgabe etwaige Beckmesser unter den Rezensenten nicht arbeitslos. János Libényi, der Attentäter des jungen Kaiser Franz Joseph, wurde (Seite 127) entgegen dem Spottlied eben nicht auf der Simmeringer Had (=Haide) aufgeknüpft, sondern am Wienerberg bei der Spinnerin am Kreuze. Bei aller Knappheit hätten sich die beiden Lebensretter – man rettet schließlich nicht jeden Tag so en passent das Leben eines Kaisers – eine Namensnennung verdient. Gut, der Flügeladjutant des Kaisers hieß mit dem vollen Namen Oberst Maximilian Karl Lamoral Graf O’Donnell von Tyrconell, das sprengt vielleicht den Rahmen, aber für „Oberst Maximilian Graf O’Donnell“ und Josef Ettenreich, den braven und bald darauf geadelten Fleischhauer (und wohlhabenden Getreidehändler), hätte der Platz schon gereicht.


Erfrischend, wie der Autor immer wieder die Dinge beim Namen nennt und im Vorbeigehen mit alten Mythen aufräumt, auch oder gerade dann, wenn sich diese im Laufe der Zeit sozusagen schon im genetischen Code des gelernten Österreichers verankert haben dürften. Gerade angesichts der flapsigen Erzählform böte sich für spätere Auflagen noch ein netter Mythos an, der schon lange auf Geraderückung wartet. Demnach, so ein sehr alter, offensichtlich aus Gynäkologen-Kreisen stammender Witz, hätte der gute van Swieten als Leibarzt der bis dahin kinderlosen Maria-Theresia mit dem vielzitierten Rat „Praeteriacenseo, vulvam Sacratissimae Majestatis, antecoitum, diutius esse titilandam.“ zu ihrer reichen Kinderschar verholfen. Auch dass davon noch eine Variante kursiert, mit dem abweichenden, jedenfalls genauso unzutreffenden Element “titillatioclitoridis”, macht die Sache nicht wahrer. Auch von einem empfohlenen Hilfsmittel – einer Feder – ist mitunter die Rede. Wie auch immer, nichts davon ist wahr, denn als van Swieten in Wien ankam, hatte Maria-Theresia schon drei Kinder.

 

Passend und volksbildnerisch wirksam – zugegeben, das ist Jammern auf sehr hohem Niveau – wäre auch ein kurzer Hinweis gewesen, dass die 1755 geborene, später so prominente und im 38. Lebensjahr auf dem Schafott getötete Tochter Maria-Theresias (Seite 98) als Maria Antonia (ganz korrekt: Maria Antonia Josepha Johanna) geboren wurde. Erst im Rahmen ihrer Vermählung mit dem Dauphin Louis Auguste, später Louis XVI. ,ging die dann14-Jährigeals Dauphine Marie Antoinette und vier Jahre darauf als Königin von Frankreich und Navarra in die Geschichte ein.

 

Nach der langen und interessanten Geschichte des Hauses Habsburg könnte man eventuell der brutalen Zäsur der Jahre 1918/19 etwas mehr Raum geben, zumal hier fast alle europäischen Probleme des an Problemen wahrlich nicht armen 20. Jahrhunderts, bis hin zum blutigen Zerfall Jugoslawiens vor wenigen Jahren, ihre Ursachen haben. Nach dem Chaos der Umbruchszeit am Ende des schrecklichen Weltkriegs, der dann angesichts des folgenden der Erste genannt wurde, wollte nicht bloß, wie erwähnt, Vorarlberg weg von Wien, hin zur Schweiz (was die Schweizer, um ihr heikel ausbalanciertes ethnisches und religiöses Gefüge nicht zu stören, ablehnten), sondern es kam 1921 in Tirol und Salzburg zu Volksabstimmungen über einen Anschluss an Deutschland, die zwar mit beachtlichen 98,8 bzw. gar 99,3 Prozent eindeutig ausgingen, aber am Veto der Siegermächte scheiterten. Weitere Initiativen in dieser Richtung unterblieben, um den Zugewinn Deutsch-Westungarns, später Burgenland genannt, der zu dieser Zeit zugange war, nicht zu riskieren. Abgesehen von der geplanten Landeshauptstadt Ödenburg, die nach einer höchst fragwürdigen Abstimmung an Ungarn fiel, kam es zu einer zwar nicht immer friedlichen, aber einigermaßen vernünftigen Lösung, mit dem letzten Gebietsgewinn Österreichs, der südburgenländischen Gemeinde Luising, am 10. Jänner 1923!

 

Österreich kann stolz darauf sein, trotz heftiger innerer und verschiedener durchaus militärischer Konflikte, im Burgenland, aber vor allem in Kärnten – man möchte fast sagen: leider nicht auch in Südtirol – diesen Umbruch in so wenigen Jahren einigermaßen gut verkraftet zu haben, das hätte auch ganz anders ablaufen können. In Kärnten war es nicht so leicht, wie es sich liest, zum Teil hatte die noch schwache Regierung in Wien die Sache schon abgeschrieben, aber nicht so das österreichische Volk. Wovon auch seit damals das latente Misstrauen speziell der Kärntner der Bundesregierung im fernen Wien gegenüber seinen Ursprung hat, wiewohl sich 1919nicht wenige Wiener freiwillig nach Kärnten zum Abwehrkampf meldeten. So ein „Übergang“ kommt in der Weltgeschichte nicht so oft vor und hätte sich vielleicht ein, zwei Seiten mehr verdient.

 

Nicht nachvollziehbar ist, warum gerade die Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 de jure (Seite 156: „auf dem Papier“) Österreich zu einem eigenen Staat gemacht haben soll, was eine Verfassungskontinuität vorgaukelt, die nicht zutraf. Denn das Deutsche Reich, dessen Teil ja die so genannten Alpen- und Donau-Reichsgaue waren, war ja nicht automatisch mit der Wehrmacht untergegangen.

 

Auch dass am 26. Oktober 1955 das Neutralitätsgesetz beschlossen wurde, machte diesen Tag nicht sofort zum „Nationalfeiertag“ (Seite 162). Erst im folgenden Herbst, im September 1956 wird, insbesondere im Hinblick auf die Schulen, die Einführung eines „Tag der Fahne“, genauer gesagt, „… der österreichischen Fahne“ genannten Gedenktages mit feierlichem Hissen der Fahne beschlossen. Das blieb dann einige Jahre so, immerhin von 1956 bis 1965, erst in diesem Jahr wurde am 25. Oktober der folgende Tag expressis verbisals Nationalfeiertag festgelegt, ab 1967 gar mit Feiertagsruhe.


Schade, dass es ein für österreichische Verhältnisse der jüngeren Zeitgeschichte unglaublicher Vorgang von bürgerlicher Widerspenstigkeit nicht ins Buch geschafft hat. Als es damals, kurz vor Weihnachten 1984, am Tag der ersten Prügelorgien in Hainburg zu einer spontanen Demonstration vor der Oper kam, sich der Zug dann bis vors Bundeskanzleramt bewegte und auf dieser kurzen Strecke – die Menschen aller Altersklassen und sozialen Schichten stiegen sogar aus der Straßenbahnaus, um daran teilzunehmen – auf an die 50.000 Teilnehmer anschwoll, die „Sinowatz zurücktreten“ skandierten, da wurde der Obrigkeit schon etwas mulmig zumute. So etwas hatte es bei uns bis dahin noch nie gegeben. Folgerichtig wurden die aus ganz Österreich in die Au gekarrten Polizisten sofort zurückgepfiffen. Zumindest wäre diese Episode ein guter Anlass gewesen, die Entstehungsgeschichte der Grünen zu skizzieren, die im Buch, anders als die anderen Parteien, ohne jede vorherige Andeutung in die politische Szene der Jetztzeit hineinplatzen.

 

Sehr irritiert, dass es so mediokre Figuren wie Sinowatz und die definitiv subalterne schwarze Lokalpolitikerin Marek in dieses Geschichtsbuch geschafft haben, wie überhaupt die ausführliche Schilderung der Höhen und vor allem Tiefen der jüngeren Zeitgeschichte den Leser aus dem Höhenflug vergangener Größe mehr oder weniger abrupt herunterholt. Die Erinnerung an diesen ungebremsten Fall ins Bodenlose, auch wenn er geschichtlich allzu wahr wurde, dem Autor zu verzeihen, fällt nicht leicht. Andererseits – nichts könnte den Abstieg der einstigen Weltmacht Österreich intensiver und so geradezu schmerzhaft greifbar veranschaulichen. Von Karl V. zu Sinowatz und Marek, das ist wirklich die harte Tour, da bleibt dem Leser, wie weiland dem guten alten Kaiser, nichts erspart.


Wenn dem Buch trotz seiner Übersichtlichkeit wirklich etwas fehlt, dann ist es ein Namens- bzw. Begriffsverzeichnis, das einen Zugriff auf das gewünschte Kapitel noch einfacher machte. Auch ein so kurzweilig geschriebenes Fachbuch hätte sich, eben wegen dieser seiner Qualität, so einen „Nachspann“ verdient. Anzunehmen ist aber, dass bei den sich unweigerlich einstellenden Folgeauflagen noch Gelegenheit zu dieser wichtigen Nachbesserung sein wird.



 

 

 

 

 

 

 

Besprochenes Buch / Literaturhinweise

 

Yves Ravey: Ein Freund des Hauses. Roman.

Übersetzt aus dem Französischen von Angela Wicharz-Linder.

Verlag Antje Kunstmann, München 2014.

96 Seiten, 14,95 EUR.

ISBN-13: 9783888979699

 

Rezension von Cristina Olifiers

 






Es ergibt sich in einer Art Kriminalroman immer die Frage, wie man rezensiert ohne zu verraten, dass der „Gärtner der Mörder“ ist.


Im vorliegenden Werk – es spielt in einer ungenannten Zeit, ist zeitlos, immerhin darf man dankbar feststellen, dass es damals noch keine Mobiltelephone gegeben haben kann – geht es um Freddy, einen noch immer eher jungen Mann, der vor 15 Jahren ein kleines Mädchen vergewaltigte, nun seine Strafe abgesessen hat und zu seinen Verwandten, zu Martha, der Frau seines inzwischen verstorbenen Cousins, und den beiden Kindern, der attraktiven und lebenslustigen Clemence, und dem Sohn, der die ganze Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, zurückkommt, die ihm äußerst reserviert begegnen und ihm am liebsten jede Wiedereingliederung ins normale Leben verweigern würden, wenn sie könnten. Da er sich nichts zuschulden kommen lässt, ist gegen seine Anwesenheit im Ort nichts zu machen. Die Ängste der Mutter, dass der Ankömmling ihre Tochter Clemence begehren könnte, scheinen sich anfangs zu bewahrheiten, tatsächlich hat aber noch jemand, der vermeintlich ehrenwerte Notar des Ortes, Maitre Montussaint, ein Auge auf die junge Dame geworfen, allzumal diese die Freundin seines Sohnes Paul ist. So viel sein verraten, das Ende ist dramatisch.


Die Geschichte wird durchwegs dicht und spannend erzählt, die durch ihre Ängste erklärbaren Vorurteile der Mutter sind nachvollziehbar, sodass sich eine zunehmende Spannung aufbaut und der Leser ahnt, dass es wohl ans Eingemachte gehen wird müssen. Dass sich Clemence gegen das Gluckhennensyndrom der Mutter wehrt, ist einleuchtend, mit mindestens einundzwanzig – zur Tatzeit damals war sie mit dem Opfer im letzten Kindergartenjahr, und das ist nun 15 Jahre her – kann sie schon auf sich selbst aufpassen … wenn nicht das gemeine Böse allgegenwärtig wäre. Man muss mit dem Schlimmsten rechnen, es kommt auch schlimm, aber, immerhin, es hätte noch schlimmer kommen können. Im Unterschied zu billigen Horrorfilmen bzw.  Geschichten, lebt die Spannung nicht von suboptimalen Handlungen der Proponenten, die stets geradlinig ins Unheil hinein steuern, im Gegenteil, schon überraschend früh beginnt die Mutter, sich nicht nur reflexhaft auf Freddy zu fixieren.

 

Das Buch ist schnell gelesen und kommt, obwohl dies rein inhaltlich gut möglich gewesen wäre, ohne die geringsten pornographischen Szenen aus. Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er sich nicht nach dem Motto „Sex sells“ von der vordergründigen Anziehungskraft aufdringlicher Sexszenen korrumpieren hat lassen. Der geringe Umfang des Buches ist aber auch ein Segen, denn leicht lesbar ist es nicht. Mag sein, dass der knappe Erzählstil – verwirrenderweise erzählt der Sohn alles so hautnah, als ob er überall dabei gewesen wäre – auch anspruchsvolle Leser fesselt, aber dieser Stil ist anstrengend. Direkte und indirekte Rede in flottem Wechsel, mitunter sogar innerhalb eines einzigen Satzes, sind ohne die Unterstützung durch Anführungszeichen eine harte Kost.


Die Geschichte wirft mehr Fragen auf, als sie Lösungen anbietet. Irgendwie fällt es einem schwer zu glauben, dass der jetzt so biedere Freddy damals eine Fünf- oder Sechsjährige (!) vergewaltigt haben soll, aber wenn nicht er, wer dann? Vielleicht gar Marthas Mann, der unter nicht näher erwähnten Umständen inzwischen gestorben ist? Und die Mutter wird wohl auch Schwierigkeiten haben, die Erschießung des Notars erklären oder begründen zu können. Notwehr oder Nothilfe können da nicht greifen, allenfalls Totschlag, jedenfalls werden ihr die Erfahrungen, die ihr Cousin im Gefängnis, vor allem aber danach mit den Vorurteilen der Gesellschaft machen musste, nicht erspart bleiben können. Wie heißt es so schön: Es kommt alles irgendwann einmal zurück! Immerhin, Martha reagiert ziemlich abgebrüht, hat man Kinder, so kann man sich nicht gegen gewisse Sympathien für ihr Handeln wehren. So gesehen ein moderner Roman.